„In Geschichten verstrickt“

Dem Erzählen scheint derzeit auch in der Politikwissenschaft eine erstaunliche Karriere bevorzustehen. Welchen Beitrag die Analyse von Narrativen – so die wissenschaftliche Bezeichnung von Erzählungen –  im Untersuchungsfeld Politik überhaupt leisten kann, ist allerdings noch offen. An diese Frage knüpfte ein Autorenworkshop an, der am 23.November 2012 unter dem Titel „Politische Narrative“ in Duisburg stattfand.

Eingeladen hatten die Herausgeber des dazu geplanten Buches, die als übergreifende Projektgruppe gemeinsam zur Rolle und Funktion von Erzählungen forschen: Frank Gadinger (Käte Hamburger Kolleg), Sebastian Jarzebski und Taylan Yildiz (beide NRW School of Governance). Unterstützt wurde der Workshop vom Profilschwerpunkt „Wandel von Gegenwartsgesellschaften“ an der Universität Duisburg-Essen.

Über 30 WissenschaftlerInnen sind dem Ruf nach Duisburg gefolgt und diskutierten mit Mitgliedern des hiesigen Instituts für Politikwissenschaft und Fellows des Kollegs intensiv über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer politikwissenschaftlichen Narrativanalyse. Der Workshop wurde von Dr. Wilhelm Viehoever (Universität Augsburg) als einem der Pioniere der politikwissenschaftlichen Narrativforschung mit einer Keynote Speech eröffnet. Viehöver machte deutlich, dass auch die Politik stets „in Geschichten verstrickt ist“ und ein entsprechender Forschungsansatz insbesondere für die Analyse politischer Kontroversen vielversprechend ist.

In den folgenden vier Panels befassten sich die TeilnehmerInnen dann aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Leitfrage, wie Erzählung und Politik zusammen hängen und wie dieses Verhältnis methodisch sinnvoll studiert werden könnte. Problemerzählungen in Städten, ikonographische Studien zu Kasachstan und die Erzählungen zur somalischen Piraterie wurden thematisch ebenso aufgegriffen, wie das gescheiterte Narrativ, das den Biosprit E10 einführte und die schwer überschaubaren Narrative, die im Zusammenhang der gegenwärtigen Finanzkrise zu hören sind. Die Panels wurden von Wilhelm Viehoever, Anna Geis, Wilhelm Hofmann und Christoph Bieber begleitet, die in ihrer Rolle als kritische Diskutanten die Veranstaltung bereicherten.

Im Abschlussvortrag sprach Prof. Dr. Frank Nullmeier von der Universität Bremen über die Möglichkeiten von „Narrationen über Narrationen“ und schloss damit den Bogen zur Methodologie einer politikwissenschaftlichen Narrationsanalyse. Auch wenn viele wichtige Fragen dieses interdisziplinären Projekts weiter vertiefend bearbeitet werden müssen, wurde nicht zuletzt durch die kritischen Diskussionen und spannenden Vorträge deutlich, dass die Entwicklung einer erzähltheoretischen Perspektive für die Politikwissenschaft sicherlich kein leichtes, aber fruchtbares Unterfangen ist, das ein enormes analytisches Potenzial verspricht.

Das Buch „Politische Narrative“ wird diesem Versprechen folgen und voraussichtlich im Winter 2013 beim Springer-VS Verlag erscheinen.

Projektgruppe „Politische Narrative“

Teile diesen Inhalt: