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Polykrise als globales Phänomen? Neuer Debattenbeitrag in der ZfVP

Wie ist die Krisenwahrnehmung in unterschiedlichen Regionen weltweit? Der Begriff der „Polykrise“ hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Narrativ zeitdiagnostischer Debatten entwickelt. Er verweist auf die Gleichzeitigkeit und wechselseitige Verstärkung unterschiedlicher Krisen – wie die Pandemie, geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Verwerfungen oder die klimapolitischen Herausforderungen. 

Aber wird diese Konstellation tatsächlich weltweit als zusammenhängendes Phänomen wahrgenommen? Und sind dies wirklich die Krisen, die Bürgerinnen auf individueller Ebene ebenso umtreiben wir Politiker? Was sind Gründe und Logiken unterschiedlicher Krisenwahrnehmung? Und wie sieht der Umgang und Lösungsansätze vor dem Hintergrund unterschiedlicher Institutionengefüge, Akteure und politischer Prozesse aus? Nicht zuletzt: Welche Effekte hat dieser Umgang auf Bürgerinnen, aber auch für das Vertrauen in die Demokratie?

Das waren Fragen, die Norma Osterberg-Kaufmann und Kristina Weissenbach auf dem letzten DVPW Kongress mit den Roundtable-TeilnehmerInnen Alexander Stroh, Nele Noesselt, Britta Weiffen, Susanne Pickel, Thomas Richter und Thorsten Faas diskutierten.

Die Debatte ist nun erschienen – als erster Beitrag im neuen Debattenformat der Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft: https://link.springer.com/article/10.1007/s12286-026-00656-3

Aus der Perspektive der Vergleichenden Politikwissenschaft bündelt der Beitrag regionale Analysen zu Afrika, Lateinamerika, Ost- und Südostasien, Osteuropa, dem Nahen und Mittleren Osten sowie dem Globalen Norden. Die Beiträge untersuchen erstens, wie Krisen in den jeweiligen Regionen wahrgenommen werden. Zweitens analysieren sie, wie politische Systeme und Akteure, wie auch Bürgerinnen, auf multiple Krisen reagieren und welche Folgen sich daraus für Demokratie, Autoritarismus, politische Stabilität und internationale Positionierung ergeben.

Der Vergleich zeigt, dass die Vorstellung einer einheitlichen globalen Polykrise empirisch nur begrenzt trägt. Während im Globalen Norden die Verschränkung multipler Krisen als neue Zäsur interpretiert wird, dominieren in vielen Regionen des Globalen Südens Erfahrungen von Dauerkrisen, struktureller Verwundbarkeit und externen Schocks. Die Polykrise erweist sich damit weniger als universale Realität denn als politisches Deutungsmuster, dessen Tragweite stark von regionalen Kontexten, institutionellen Strukturen und politischen Narrativen abhängen.