Brost Master Dialog: “Turing Talk” – frischer Wind für Maischberger und Co.

KommunalpolitikerInnen beim “Turing-Talk” (v.l.n.r. : Sebastian Ritter, Daniela Stürmann, Dr. Detlef Feldmann, Gudrun Henne).

Der “Turing-Talk” könnte die Fülle der Polit-Talks auffrischen. Gemeint ist eine Talkshow, bei der Politikerinnen und Politiker Argumente ihrer Gegenposition vertreten. Doch ist die Idee realitätstauglich? Angeregt durch das praxisorientierte Lehrformat “Brost-Master-Dialog”, wagten  Studierende des Masterstudiengangs “Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung” das Experiment.

Die politische Welt hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert – und mit ihr auch die politische Debattenkultur. Neue Technologien wirken immer mehr wie eine Bedrohung für den Zusammenhalt in unserem Gemeinwesen. Der Ton in Politik, Medien und Gesellschaft hat sich verschärft. Welche Rolle kann in diesem Klima der öffentlich-rechtliche Rundfunk übernehmen und wie muss er seine Strukturen und Angebote anpassen? Diesen Fragen gingen Studierende der NRW School of Governance im Rahmen des Seminars „Medien und Politik 2017“ von Prof. Dr. Christoph Bieber auf den Grund. Einige Impulse für neue journalistische Formate bekamen die Studierenden beim „Brost Master Dialog“ mit dem Leiter der Innovationsabteilung der Süddeutschen Zeitung, Dirk von Gehlen.

Der „Brost Master Dialog“ ist ein praxisorientiertes Lehrformat, das im Masterstudiengang „Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung“ an der NRW School of Governance angeboten wird. Ziel ist es, den Studierenden fundiertes und anwendungsorientiertes Expertenwissen zum Themenbereich Politk- und Medienverdrossenheit zu vermitteln. Die Veranstaltungsreihe ist Teil des von der Brost-Stiftung geförderten Projekts „Kommunikationsstress im Ruhrgebiet: Die Gesprächsstörung zwischen Politikern, Bürgern und Journalisten“.

Studierende im Gespräch mit dem Journalisten Dirk von Gehlen beim “Prost Master Dialog”.

Nach der Seminarsitzung mit dem aus Mülheim stammenden Journalisten Dirk von Gehlen, kam den Studierenden eine Idee, wie man politische Talkshows auffrischen könnte. Gemeinsam mit vier Duisburger Kommunalpolitikern führten die Studierenden Najma Yari, Nicole Aretz, Friederike Haag, Marcus Lamprecht und Michael Schmidt ein Experiment durch. Beim sogenannten „Turing-Talk“ sollten die Politikerinnen und Politiker die Argumente ihrer Gegenposition vertreten. Was hinter diesem Polit-Talk der anderen Art steckt und was die Studierenden sowie Politiker aus dem Experiment gelernt haben, erzählen sie im Interview.

Ihr habt im Rahmen eures Seminars Ideen für eine neue Polit-Talkshow entwickelt. Aber braucht das Fernsehprogramm wirklich noch eine weitere Talkshow?

Najma Yari: Ganz im Gegenteil. Das Talk-Format, das bei den meisten Sendern genutzt wird, finden wir nicht sonderlich spannend. Wir haben das Gefühl, dass diese Runden meist zu keinen neuen Erkenntnissen führen und selten ein echter Austausch von Argumenten, eine wirkliche Debatte entsteht. Das Fernsehprogramm braucht also nicht noch eine, aber andere Debatten. Deshalb wollten wir etwas Spannenderes entwickeln. Unsere Idee war, dass die Gäste unserer Diskussionsrunde aus ihrer Gegenposition argumentieren. Das stärkt den Respekt vor und das Verständnis für die Argumente der Gegenseite.

Und das hat in der Realität funktioniert?

Marcus Lamprecht: Überraschender Weise hat es alles in allem sehr gut geklappt. Wir haben Ende letzten Jahres bei Duisburger Kommunalpolitikern angefragt, ob sie an einem solchen Experiment teilnehmen würden. Von den Grünen, der SPD, den Linken und der CDU kamen positive Rückmeldungen. Am unserem sogenannten Turing-Talk haben dann Sebastian Ritter (Bündnis 90/Die Grünen), Gudrun Henne (CDU), Daniela Stürmann (SPD) und Dr. Detlef Feldmann (Die Linke) teilgenommen. Streitthema war das Alkoholverbot in der Duisburger Innenstadt. In unserem Experiment haben dann die CDU und die Grünen ihre Rollen getauscht, die Vertreterin der SPD sollte die bei diesem Thema gegenteilige Meinung der Linken vertreten und umgekehrt. Ein großer Vorteil war, dass wir mit dem Alkoholverbot ein Thema diskutiert haben, bei dem alle Teilnehmer sehr unterschiedliche Auffassungen hatten.

Najma Yari: Wir haben im Vorfeld unseres Experiments dann Positionspapiere für jeden Teilnehmer vorbereitet. Die eigentliche Pointe hierbei war, dass die Politiker die Papiere gar nicht brauchten, da sie ohnehin schon sehr gut vorbereitet waren. Die Politiker haben sich also sehr intensiv mit den Argumenten der Gegenseite auseinandergesetzt.

Marcus Lamprecht: Alle Teilnehmer haben zu Beginn unserer Runde ein kurzes Impulsstatement aus der Perspektive der „gegnerischen“ Partei abgegeben. Dann hätten wir die Diskussion mit Fragen einleiten wollen, aber die Teilnehmer haben schon von alleine auf die Impulse reagiert, also tatsächlich sehr gut miteinander interagiert.

Der “Turing-Talk” wurde von den Studierenden aufgezeichnet und sendefähig bearbeitet.

Haben sich die Kommunalpolitiker denn in der Rolle ihres inhaltlichen Gegners wohlgefühlt?

Marcus Lamprecht: Es hat ihnen sogar Spaß gemacht. Ein Problem hat uns allerdings begleitet: Die Teilnehmer neigten dazu, ihre Rollen ironisch überspitzt darzustellen. Ein Stück weit wird dadurch auch Spott über die Positionen der Anderen zum Ausdruck gebracht, was für eine fruchtbare Diskussion nicht von Vorteil ist.

Najma Yari: Dass die Teilnehmer so gut vorbereitet waren, zeigt aber auch, wie ernst sie unser Projekt genommen haben. Am Ende waren sich die Politiker dennoch einig, dass eine Umsetzung unseres Experiments im politischen Alltag nur schwer funktionieren würde. Im Internet könnten die Aussagen, die ja nicht der eigenen Position entsprechen, zu einfach aus dem Zusammenhang gerissen werden. Außerdem wird es für Zuschauer schwieriger, die Argumente der Politiker im Nachhinein wieder zu trennen.

Was steckt eigentlich hinter dem Namen eures Formats?

Najma Yari: Der „Turing-Talk“ geht auf die Idee des ideologischen Turing-Tests zurück, bei dem Teilnehmer die Argumente der jeweiligen Gegenseite so zusammenfassen müssen, dass weder Teile der Argumentation verloren noch falsch widergegeben werden. Dieses Vorgehen hat damit ähnliche Grundzüge wie der aus der Computerwissenschaft stammenden Turing-Test, der überprüft, ob eine Maschine menschliche Kommunikation imitieren kann.

Marcus Lamprecht: Die Idee dazu haben wir uns bei Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung abgeschaut. Er war im Rahmen des Brost Master Dialogs Gast in unserem Seminar und hat vom „SZ Democracy Lab“ berichtet. Bei diesem Mitmach-Experiment durften Leserinnen und Leser per Einsendung und Abstimmung Themen für die Berichterstattung der SZ mitbestimmen. Die ausgewählten Themen wurden im Anschluss an die Abstimmungen auch gemeinsam online sowie bei Veranstaltung diskutiert. Dabei wurde auch ein Turing-Format mit den damaligen Vorsitzenden der Jusos und der Jungen Union in München ausprobiert.

Wie kam es dazu, dass ihr dann auch selber so ein Experiment durchführen wolltet?

Marcus Lamprecht: Unser Experiment war ja Teil eines Seminars zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Unser Problembefund war der, dass sich öffentlich-rechtliche Medien aktuell unter einem enormen Rechtfertigungsdruck befinden – „Lügenpresse“ und „Staatsfunk“ sind da nur zwei Schlagworte. Das gab uns den Ansporn, über andere Wege der Politikvermittlung nachzudenken und diese selber auch auszuprobieren.

Die Studierenden präsentierten die Ergebnisse ihres Experiments und analysierten das Verhalten der PolitikerInnen.

Was habt ihr aus eurem Experiment gelernt? Wäre der Turing-Talk ein Format, mit dem man den Einheitsbrei der Polit-Talkshows auffrischen könnte?

Marcus Lamprecht: Ich denke, dass die Steigerung des Verständnisses für Positionen von Anderen ein großer Mehrwert dieses Formats ist. Das ist in der öffentlich-politischen Auseinandersetzung aber hin und wieder einfach nicht gewollt. Manchmal lebt die politische Diskussion von einer Zuspitzung der Positionen. Nur bei lange ungeklärten Sachfragen ist ein so komplexer Austausch in der Öffentlichkeit wirklich hilfreich. Unser Format lässt sich aber nur schwer medial umsetzen.

Najma Yari: Außerdem ist es auch nicht einfach, von einer Meinung, die man hat, abzurücken – vor allem bei politischen Themen.
Was nehmt ihr denn aus der Veranstaltung und dem Seminar für Euch persönlich mit, auch vor dem Hintergrund eures beruflichen Werdegangs?

Marcus Lamprecht: Es war insgesamt ein spannendes Format und auch ein hilfreicher Input von Dirk von Gehlen. Besonders aufregend fand ich auch den Vergleich unseres Turing-Talks mit den Ergebnissen der „SZ Democracy Lab“. Ich bin sehr froh darüber, dass überhaupt so viel Bereitschaft bei den Politikern bestand, an unserem Experiment teilzunehmen und das Konzept auch so ernst genommen wurde.

Najma Yari: Für mich persönlich war es einfach eine ganz spannende Erfahrung, selber einmal eine Diskussionsrunde zu moderieren. Ich kann mir gut vorstellen, das im Seminarkontext zu wiederholen!

Das Interview führte Kazim Celik, der Projektmitarbeiter im von der Brost-Stiftung geförderten Projekt „Kommunikationsstress im Ruhrgebiet: Die Gesprächsstörung zwischen Politikern, Bürgern und Journalisten“ an der NRW School of Governance ist.

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