Kulturelle Vielfalt und Demokratie – Öffentliche Vorlesung des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff

Bundespräsident a.D. Christian Wulff erhält die Urkunde zur Gastprofessur für Politikmanagement von Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte

Wie wichtig es ist, auf andere Kulturen zuzugehen, hat Christian Wulff (56) schon in seiner Zeit als Bundespräsident betont. Am 12. Dezember war das frühere deutsche Staatsoberhaupt zu einer öffentlichen Vorlesung an der Universität Duisburg Essen zu Gast.

Wulff ist in diesem Jahr Gastprofessor für Politikmanagement der Stiftung Mercator an der NRW School of Governance. In seinem Vortrag „Kulturelle Vielfalt als Herausforderung für die Demokratie“ ging er der Frage nach, wie Politik und Gesellschaft mit Heterogenität umgehen können.

Bevor der ehemalige Bundespräsident das Wort an die etwa 200 Gäste im Hörsaal richtete, begrüßten Prof. Dr. Thomas Spitzley, Prof. Dr. Andreas Blätte und Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte die Anwesenden. Spitzley verwies auf die Reihe von bedeutsamen Persönlichkeiten, die bereits die Gastprofessur verliehen bekommen haben und betonte die Kompetenzen der Ernannten als besondere Bereicherung für die Studierenden. Prof. Blätte, Leiter des Instituts für Politikwissenschaft, betonte die „Macht des Wortes“, welche besonders durch das Amt des Bundespräsidenten ausgeübt werden könne. Mit seiner Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ habe Christian Wulff die politische Kultur der Bundesrepublik maßgeblich verändert. Prof. Korte dankte der Stiftung Mercator für die Ermöglichung der Gastprofessur und verwies auf die landes- und bundespolitische Erfahrung des prominenten Gastredners, die sehr nützlich sei, um den Studierenden Gestaltungswissen zu vermitteln.

Christian Wulff

Gespannt folgen die Gäste dem interessanten Vortrag von Christian Wulff.

Zu Beginn seiner Rede betonte Christian Wulff, dass es „keine Garantie für die liberale Demokratie“ gäbe und verwies dabei auf die aktuellen Erfolge von Demagogen und Populisten. Kulturelle Vielfalt sei nicht nur eine Herausforderung für die Gesellschaft und das alltägliche Zusammenleben, sondern durch das Entstehen neuer Bewegungen und Parteien auch in den demokratischen Institutionen angekommen. Darüber hinaus merkte der ehemalige Bundespräsident an, dass nicht allein die kulturelle Vielfalt eine zunehmende Aufgabe für die Politik sei, sondern ebenfalls die soziale Vielfalt. Die Folgen von Globalisierung und Digitalisierung würden die Menschen verunsichern und die aufkommenden Ängste in der Bevölkerung seien bisher von den politischen Akteuren unterschätzt worden. „Verlierer globaler Entwicklung sind der Nährboden für Nationalismus“, so Wulff. Aufgrund dieser Angst vor Veränderung würden viele Bürgerinnen und Bürger wieder verstärkt auf das Private als den Fels in der Brandung setzen.

In der anschließenden Diskussion stellte sich Christian Wulff den Fragen des Publikums.

Die Debatte um Einwanderung sei bislang eine Diskussion über die Frage „Wer gehört zum Wir dazu?“ gewesen. Wulff skizzierte die unterschiedlichen Migrationsbewegungen, die es im vergangenen Jahrhundert gegeben hat. Interessant sei dabei, dass immer wieder auf die besondere christlich-abendländische Kultur Bezug genommen würde. Häufig werde jedoch außer Acht gelassen, dass es in der europäischen Geschichte bedeutende arabische Einflüsse in Wissenschaft, Kunst und Kultur gab und auch erfolgreiche Unternehmen aus dem amerikanischen Silicon Valley, Neugründungen von Migranten gewesen sind. Darüber hinaus seien Muslime schon längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, z.B. als Soldaten in der Bundeswehr, als Fußballer in der Nationalmannschaft oder als Wissenschaftler an Universitäten. Die Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ sei somit viel mehr Beschreibung der Realität gewesen und sollte als identitätsstiftende Aussage verstanden werden.

Als Antwort auf die gegenwärtigen Entwicklungen, stand der ehemalige Bundespräsident für mehr Verfassungspatriotismus ein. Es müsse möglich sein, stolz auf Deutschland zu sein. Die Weimarer Republik sei auch deshalb zusammengebrochen, weil es einen Mangel an nationalem Bewusstsein und engagierten Demokratinnen und Demokraten gegeben habe. Dies sei eine Mahnung für die Gegenwart: „Demokratie klingelt nicht, wenn sie geht.“

Als Fazit plädierte Wulff für ein „Sowohl als auch“ von Offenheit und Konsequenz in gleichem Maße. Deutschland sei ein weltoffenes und tolerantes Land, aber es sei im Interesse aller hier lebenden Menschen, dass Regeln und Pflichten konsequent durchgesetzt würden.

Nach der Vorlesung stellte sich Wulff den Anmerkungen und Nachfragen des Publikums.

Presseschau:

„Christian Wulff tritt Mercator-Professur mit Plädoyer an“ (WAZ, 13.12.2016)

„Demokratie fällt nicht vom Himmel“ (Rheinische Post, 14.12.2016)

„Gastprofessor Christian Wulff: “Vielfalt ist ein Grundprinzip der Demokratie“ (Wir sind DU, 13.12.2016)

Weitere Impressionen:

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